hellwach- bei Gewalt an Frauen

hellwach-am-tiroler-landesmuseum

2006 hellwach am Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum  Foto: Monika K. Zanolin


hellwach ist eine kunstpolitische Intervention im öffentlichen Raum zum Thema „Gewalt an Frauen“. Es verortet sich an der Schnittstelle zwischen Kunst, Soziales und Politik. Wir nutzen den öffentlichen Raum als Aktions-, Ausstellungs- und Präsentations-Ort.

Ziel ist es, mit künstlerischen Mitteln das Thema in einer breiten Öffentlichkeitskampagne – direkt zu den Menschen „vor Ort“ zu bringen. Wir nehmen den gewohnten öffentlichen Raum für eine Zeit lang ein und verändern ihn. Dazu werden die Projektelemente von hellwach (Leucht-Installation, Großflächen-Plakate, Glückskekse, Vernetzungen, Aktionen, Einbeziehen der Medien) unterschiedlich eingesetzt.

Konzept: Carla Knapp, Angela Zwettler

Weite re Infos, Projekte und Reaktionen zum Projekt hellwach gibt es auf der website: http://www.angelazwettler.com/hellwach/


hellwach nicht ministrabel

Text von Dr.in Agnes Neumayr zu hellwach-eine kunstpolitische Intervention, im speziellen zur Ausladung von hellwach (nicht ministrabel) bei der InternationalenTagung zu „10 Jahre österreichische Gewaltschutzgesetze“ 2007 in Wien.

 

 http://diestandard.at/1194116595293

Agnes Neumayr

 

 

Kunst, Freiheit und politischer Widerstand

 

Was ist kunstpolitische Intervention?

Die politische Theoretikerin Hannah Arendt schreibt über Freiheit, dass sie es vermag, „etwas in die Wirklichkeit zu rufen, das es noch nicht gab“[1]. Um dies zu bewerkstelligen, sind für sie zwei Dinge wichtig, die unabdingbar zusammengehören: Sprechen und Handeln. Mit Sprechen, so Arendt, ist keinesfalls ein oberflächliches „Lärmschlagen“[2] gemeint, sondern ein konkretes Hinhören und Einfühlen, ein wohlüberlegtes Nachdenken und besonnenes Urteilen, das den Akt des Sprechens und Handelns miteinander verbindet. Das Phänomen wiederum, in dem Sprechen und Handeln so genau aufeinander abgestimmt sind, dass sie praktisch zusammenfallen, nennt Arendt Virtuosität: „Weil Handeln Virtuosität erfordert und Virtuosität eine Eigentümlichkeit der ausübenden Künste ist, hat man oft gemeint, Politik überhaupt sei eine Kunst.“[3] Diese „starke“ Analogie zwischen dem politischen Handeln und den ausübenden Künsten (Tanz, Performances, Aktionismus, etc.) zeigt sich auch darin, dass sich deren motivierender oder symbolisierender Sinngehalt (oder deren Bedeutung) immer erst im aktiven Vollzug, d.h. im Modus des Tuns realisiert.[4]

Hebt man Arendts Definition der Virtuosität des politischen Sprechens und Handelns also auf die Ebene der Kunst, so könnte die Kunstrichtung der politischen Intervention ihr symbolisch-künstlerisches Pendant sein. Politisches Handeln, genauso wie die kunstpolitische Intervention, benötigt zu ihrer Entfaltung andere Menschen und die dinghafte Mitwelt, um Sinn zu erzeugen. Beide aktualisieren sich im wirkenden Tun, indem sie aus dem Verborgenen des Privaten, Intimen und Subjektiven heraustreten und handelnd einen für alle wahrnehmbaren Raum des Öffentlichen und Politischen oder des Künstlerischen und Symbolischen schaffen. Damit intervenieren beide, auf die ihnen je eigene Weise, laufend in die uns allen gemeinsame Welt, verändern sie und gestalten sie neu.

Die beiden Künstlerinnen Carla Knapp und Angela Zwettler betonen, dass in der kunstpolitischen Intervention der Mikrokosmos des individuellen Denkens, Fühlens, Wahrnehmens und Handelns mit dem Makrokosmos der umgebenden Welt in vielen dynamischen und prozessualen Beziehungen zueinander steht. Schnittstellen dieser pluralen Beziehungen finden sich z.B. in sozialen Interaktionen, politischen Aktivitäten, ökonomischen Zwängen, moralischen Verpflichtungen oder in kulturellen Normen und Traditionen. Verdichten sich solche Schnittstellen zu konfliktträchtigen „Brennpunkten“, d.h. zu Problemzonen zwischen den Menschen und ihrer Mitwelt, ist es wichtig, diese aufzugreifen und öffentlich zu thematisieren. Genau dies tut die kunstpolitische Intervention. Sie „geht [konkret] zur Sache“, zeigt ein aktuell „brennendes“ Thema künstlerisch-handelnd auf, indem sie virtuos – und in der politischen Öffentlichkeit – provoziert, entlarvt, irritiert, lacht, schützt, heilt, sich wehrt und (verstocktes) Altes in etwas (lebendig) Neues verwandelt.[5] Kunstpolitische Intervention betreibt weder Kunst um der Kunst willen (l’art pour l’art) und ist vom Leben nicht zu trennen, noch ist sie (einfach) dem sozialen oder politischen Handeln zuzuordnen. Sie agiert vielmehr wie ein Seismograph von Gesellschaft und Politik[6], greift Phänomene der sozialen und politischen Wirklichkeit auf, beleuchtet sie kritisch aus den vielen möglichen Perspektiven, transformiert sie in eine inhaltlich neue, symbolisch-künstlerische Form und bringt deren Sinngehalt logisch zum Ausdruck. Kunstpolitische Intervention ist eine lebendige Kunstform, die nicht konservativ, sondern progressiv ist. Genau aus diesem Grund ist sie genuin politisch.

 

Gewalt an Frauen: ein konkretes Beispiel

In ihrer kunstpolitischen Intervention „hellwach – bei Gewalt an Frauen“ greifen die beiden Künstlerinnen Carla Knapp und Angela Zwettler alle bislang genannten Aspekte auf. Carla Knapp: „Uns ist es wichtig, unterschiedliche Brennpunkte zu benennen, z.B. wo Gewalt an Frauen passiert. Etwa im häuslichen oder kulturellen Bereich oder gegenüber Migrantinnen.“[7] Gewalt an Frauen wird nach wie vor stark tabuisiert und abseits der politischen Öffentlichkeit im Privaten und Persönlichen ‚intimisiert‘. Angela Zwettler: „Insbesondere im städtischen öffentlichen Raum gibt es so gut wie keine Hinweise auf die Tatsache der Gewalt an Frauen und Kindern und dies, obwohl jede 5. Frau in Österreich von Gewalt durch einen Mann (meist einen Partner) betroffen ist.“[8]

Diese Zahl ist Aufforderung genug, so die Künstlerinnen, die alltägliche Gewalt an Frauen mit einer kunstpolitischen Intervention zu thematisieren und das Tabu darüber zu brechen.

 

Eine Möglichkeit, dies zu tun, erhielten sie mit der Einladung, die Internationale Tagung „10 Jahre österreichische Gewaltschutzgesetze“ künstlerisch mit zu gestalten. Die Tagung fand im Palais Auersperg in Wien vom 05. bis 07.11.07 statt. GastgeberInnen/SponsorInnen waren das österreichische Frauen- und Innenministerium, Organisatorinnen die Interventionsstelle Wien und das Gewaltschutzzentrum NÖ.

Zu diesem Zweck wurde das Projekt „hellwach – bei Gewalt an Frauen„, das in unterschiedlichen Varianten und bei verschiedenen Anlässen bereits früher Verwendung fand,[9] von den beiden Künstlerinnen neu konzipiert. Konkret sollte im Stiegenhaus des Palais Auersperg bei sechs kaiserlichen Büsten eine Installation von großformatigen Bildern und Texten zum Thema Gewalt an Frauen angebracht werden. Die Bilder und Texte nehmen Bezug auf aktuelle Alltagsprobleme der Menschen in Österreich, artikulieren unterschiedliche „Brennpunkte“ an den Schnittstellen zwischen dem Sozialen, Politischen, Kulturellen und Traditionellen.[10] Ein weiterer Teil der Installation konzentrierte sich auf die Gestaltung eines barocken Brunnens, wobei gedacht war, über dessen Löwen die zwei Meter großen „hellwach-Augen“ zu montieren. Diese Augen repräsentieren die Wachsamkeit von Frauen bzw. Menschen (Frauen und Männern) bei allen Formen von direkter, struktureller und/oder kultureller Gewalt. Eine Toninstallation sollte die Aufmerksamkeit auf den Brunnen lenken. In Anlehnung an die chinesischen „Fortune Cookies“, mit denen, einer Legende nach, die AkteurInnen der chinesischen Widerstandsbewegung geheime Botschaften durch das ganze Land trugen, verbackten/verpackten die beiden Künstlerinnen (zweisprachige) Botschaften in Glückskekse (deutsch/türkisch, deutsch/serbokroatisch), um so aktiven Widerstand gegen Gewalt an Frauen zu leisten: „Maria liebt Hans. Hans schlägt Maria. Maria ruft an: 0800/222-555 – Sagen was ist, verändert die Welt!“[11]

 

Zwei Tage vor Beginn der Tagung wurde diese kunstpolitische Intervention, „hellwach – bei Gewalt an Frauen“, vom Frauenministerium unter Frauenministerin Doris Bures mit der Begründung abgesagt, dass diese „nicht ministrabel“ sei.[12]

 

Aktuelle (Frauen-)Politik, Zensur und kunstpolitischer Widerstand

Ausschlaggebend für diese Zensur des Kunstprojekts von Seiten des Frauenministeriums waren vor allem zwei Bilder der sechsteiligen künstlerischen Installation. Um besser zu verstehen, weshalb solcherart Kunst zensuriert wird oder werden kann, sollen diese im Folgenden kurz vorgestellt werden.

muslima-und-aufenthaltsstatus

Bild und Fotomontage: A. Zwettler

Das erste Bild der Installation zeigt eine irakische Muslima vor dem Hintergrund eines oberösterreichischen Dorfes mit seinen vielen katholischen Kirchen. Am Sockel, auf dem das Bild angebracht ist, steht die Aufschrift: „Wir fordern einen autonomen Aufenthaltsstatus für Migrantinnen! Sie sind sonst rechtlos der Gewalt durch den Mann ausgesetzt.“[13] Viele Migrantinnen in Österreich sind nicht nur ökonomisch von ihren Partnern abhängig, sondern auch deren Gewalt ausgeliefert, da ihr Aufenthaltsstatus an den des Ehemannes gebunden ist.

Impressionen: Betrachtet man das Bild der Installation eingehend, so evoziert das österreichische Dorf mit seinen vielen Kirchen – vielleicht[14] – Gefühle der Heimat, das Hören von Kirchenglocken, Erinnerungen an sonntägliche Kirchgänge, den Besuch im Wirtshaus und/oder den Geruch von Schweinebraten. Die Muslima scheint hier völlig deplaziert, fremd, anders. In ihrer Größe wirkt sie riesenhaft, nahezu monumental. Ihr direkter Blick ist nicht der einer abhängigen, demütigen, armen, hilflosen und der Gewalt ausgelieferten, verängstigten „Migrantin“. Schon gar nicht der einer „unemanzipierten“ Muslima. Vielmehr präsentiert sie sich fordernd, wehrhaft, autonom, stark. Ihr schwarzer Tschador tut dem keinen Abbruch. Mit ihren gefalteten Händen vor dem fülligen Bauch lässt sie keinen Zweifel daran, sich ihrer Person selbst-bewusst zu sein. Sie wartet, unverrückbar, ihr Recht fordernd.

Was passiert, wenn sie wirklich da bleibt? Was, wenn sie tatsächlich ihre Rechte einfordert? Wenn sie unser Sozialsystem nützt? Unsere Pensionen auch für sich in Anspruch nimmt? Einen Arbeitsplatz einnimmt, den auch ein österreichischer Mensch haben könnte? Unser europäisches Kulturgut herausfordert? Sich nicht in der geforderten Weise integrieren will? Nicht einmal unsere Sprache spricht? Weiterhin Tschador trägt? Und dann auch noch ganz unverblümt einen autonomen Aufenthaltsstatus für Migrantinnen fordert?

Dieses Bild und der dazugehörende Text provozieren Vorurteile, Ängste, Unsicherheiten und Klischees. Text und Bild instrumentalisieren Bedrohungsszenarien des Fremden und Anderen, schaffen Aggressionen, brechen Tabus und wirken – selbst für aufgeklärte ÖsterreicherInnen – (vielleicht) entlarvend. Carla Knapp: „Unsere ursprüngliche Frage war: Wie kann man eine Migrantin, die von Männergewalt betroffen ist, in ihrer Kraft darstellen? Die Antwort auf diese Frage beinhaltet (…) eine neue künstlerische Sprache (…), es geht darum, neue Bilder oder Gefühle zu finden bzw. bekannte Gefühle aufzuzeigen und sie in der jeweiligen Arbeit zu veranschaulichen.“[15]

Das, was Carla Knapp hier anspricht, bezeichnet die Kunsttheoretikerin Susanne K. Langer als die „Morphologie der Gefühle“[16], die mit Hilfe der Künste logisch zum Ausdruck gebracht werden kann: „Kunst ist die Kreation von Formen, die menschliches Fühlen symbolisieren“[17]. Unsere Erfahrungswelt ist niemals nur eine Welt der Gedanken und logischen Schlussfolgerungen, sondern immer auch eine der Wahrnehmungen und Gefühle. Gerade Letztere färben unsere rationalen Denkmuster, beeinflussen subjektive Werturteile und motivieren zum Handeln. Auf die Politik bezogen heißt dies: Politik ist niemals nur eine Politik der Vernunft, sondern immer auch eine der Gefühle. Herrschaftsmacht hält sich nicht unwesentlich durch (strategisch eingesetzte) Gefühle wie Angst, Unsicherheit, Aggression, (Be-)Drohung oder durch Entwürdigung, Erniedrigung, Ausgrenzung und Verleumdung aufrecht. Medien, wie die Künste, die das Potential besitzen, alle Bestandteile unserer Lebenserfahrungen (Sinne, Gefühle, Kognitionen, Empfindungen) mit Hilfe einer symbolischen Formensprache – und kritisch reflektiert – zum Ausdruck zu bringen, sind aus dieser Perspektive betrachtet: gefährlich. Solcherart (politische) Kunst, wird (auch oder vor allem) aus diesem Grund zensuriert, d.h. für „nicht ministrabel“ erklärt.[18]

Die Begründung der Zensur des Bildes lautete seitens des Frauenministeriums: Die damit verbundene Forderung, nämlich nach einem autonomen Aufenthaltsstatus für Migrantinnen, könnte „missverständlich als Forderung aller an der Konferenz Beteiligten (‚wir fordern‘) aufgefasst werden.“[19] Das Faktum der direkten Gewalt an Frauen bzw. der Kampf gegen diese Gewalt wird also – bei der Internationalen Tagung „10 Jahre österreichische Gewaltschutzgesetze“ (!) – vom österreichischen Frauenministerium als zweitrangig gegenüber der unter Umständen eintretenden Möglichkeit eingestuft, dass nicht alle TeilnehmerInnen (d.h. WählerInnen) einem autonomen Aufenthaltsstatus für Migrantinnen zustimmen könnten. Wessen oder welche Politik wird hier – im vorauseilenden Gehorsam – auf Kosten der Gewalt an Frauen – von Frauen selbst – betrieben?

häusliche gewalt springinsfeld

Das zweite Bild, das der ministeriellen Zensur anheim fiel, ist die wehrhafte Figur „springinsfeld“, die ein gegenständlich geformtes Messer in Händen hält. Bereits in unterschiedlichen Variationen bei früheren Kunstprojekten verwendet, artikuliert diese Figur stets von Neuem die Auseinandersetzung einer wehrhaften Frau zum Thema Gewalt. Auf dem Sockel des Bildes stehen die Worte: „Viele Frauen und Mädchen sitzen zu Hause in der Falle. Vergewaltiger wir kriegen dich.“

Die Begründung der Zensur dieses Bildes seitens des Frauenministeriums lautete: Die künstlerische Installation würde „teilweise für problematisch“ erachtet, da (besonders) ein Bild, „(…) in eklatantem Widerspruch zum Inhalt der Tagung steht, nämlich sich deutlich gegen jede Form der Gewalt auszusprechen.“[20]

Wenn Männer Kalaschnikows, Bomben und Granaten in Händen halten und als Soldaten in Kriegerdenkmälern heroisiert, verewigt und geehrt werden, ist dies ein Symbol für jene Sicherheit und Wehrhaftigkeit, die zwar vielfache brutale Gewalt beinhaltet, aber dennoch legitim scheint, da Männer (quasi immer) jenen vernünftigen und moralischen Zielen folgen, die ausschließlich dem „inneren“ Schutz vor „äußeren“ Gefahren dienen. Wenn Frauen, im (explizit gemachten) Kontext von direkter Gewalt an ihrem Leben, ein Messer in Händen halten und sich damit gegen ihre Vergewaltiger zur Wehr setzen, werden sie dafür weder in Denkmälern heroisiert, verewigt und geehrt, noch ist dies ein Symbol für den (im konkreten Vergewaltigungsfall nötigen) Schutz und ihre Sicherheit. Auch bezeugt es (für die politischen Repräsentantinnen des österreichischen Frauenministeriums) keineswegs ein wehrhaftes Handeln, das sich vernünftigen Kriterien verantwortlich fühlt, sondern ist[21] ein potentieller Aufruf zur Gewalt bzw. ein Symbol der Gewaltbereitschaft (etwa der misshandelten Frauen?).[22] Der ganze Zynismus dieser Zensur zeigt sich aber im letzten Satz des Antwortschreibens, der den LeserInnen (und damit auch jeder fünften Frau in Österreich, die der Gewalt durch einen Mann ausgesetzt ist) moralisierend – d.h. von oben herab – aufträgt: „Wenn es um das Thema Gewalt geht, ist ein besonders sensibler Umgang mit den Botschaften, die dabei vermittelt werden, geboten.“[23]

Hannah Arendt schreibt: „Sich vernünftig zu benehmen, wo die Vernunft als Falle gebraucht wird, ist nicht rational, so wie es nicht irrational ist, in Selbstverteidigung zur Gewalt zu greifen.“[24] Menschen, die unter unmenschlichen Bedingungen leben wie z.B. Frauen, die der brutalen Gewalt von Männern ausgesetzt sind, reagieren selten mit Gewalttätigkeit. Arendt: „(…) das deutlichste Zeichen der Entmenschlichung ist gerade das Ausbleiben aller Reaktionen“.[25] Gefühle wie Wut, Zorn und Empörung können sich nur dann einstellen, wenn man weiß (und die politische Möglichkeit besitzt), dass die Bedingungen geändert werden könnten, aber niemand tut etwas. Diese letztgenannte Form der (politischen) Unrührbarkeit nennt Arendt, im Unterschied zur gewaltsamen Entmenschlichung der Entwürdigten, die Gefühlskälte, die sie als ein pathologisches Phänomen benennt, mithin als eine Gefühlsperversion definiert: „Gefühlskälte ist kein Kennzeichen von Vernunft. Objektivität und Gleichmut angesichts unerträglichen Leidens können in der Tat mit Recht ‚Furcht erregen‘, nämlich dann, wenn sie nicht Ausdruck der Selbstkontrolle sind, sondern die offenbare Manifestation der Unrührbarkeit.“[26]

Wenn Frauen nicht mehr vor Empörung und Wut die Ungerechtigkeiten anprangern, die anderen Frauen z.B. bei Vergewaltigungen geschehen, und ihnen anstelle dessen einen Diskurs über Gewaltlosigkeit moralisierend anbieten, ist dies ein Symptom der Manifestation von Unrührbarkeit, d.h. ein Zeichen einer politisch instrumentalisierten Gefühlsperversion. Das Recht sich zu wehren, d.h. das Recht auf den Schutz bzw. die Verteidigung des individuellen Lebens, steht nicht nur Männern, sondern auch Frauen zu. Dies ist KEIN Aufruf zur Gewalt, sondern ein legitimes Grundrecht der menschlichen Existenz, auch eines der Menschenfrauen. Diese beiden Ebenen, nämlich den Aufruf zur Gewalt bzw. das Recht auf Selbstverteidigung bei existentieller Bedrohung (politisch) zu vermischen, ist zynisch.

Mut, nicht Angst, ist die Kardinaltugend des Politischen. Solcherart aufrechtes Rückgrad sollte nicht nur das Fundament von Kunst, sondern auch jeder Art von (Frauen-)Politik sein.

 

Resümee: Zur politischen und künstlerischen Freiheit

„hellwach – bei Gewalt an Frauen“ zeigt, wie widerständisch eine Kunstform sein kann, die für sich nicht mehr, aber auch nicht weniger beansprucht, als konkrete Phänomene der Alltagswelt aufzugreifen und sie in einer neuen, künstlerischen Formensprache logisch zu artikulieren. Virtuoses politisches Handeln heißt, so Arendt, immer wieder neu anfangen zu können: „Will man die Menschen daran hindern, dass sie in Freiheit handeln, so muss man sie daran hindern, zu denken, zu wollen, herzustellen [d.h. künstlerisch tätig zu sein], weil offenbar alle diese Tätigkeiten das Handeln und damit Freiheit in jedem, auch dem politischen Verstande implizieren.“[27] Voraussetzung für politische und künstlerische Freiheit ist somit die elementare Freiheit zu denken, zu wollen, zu fühlen, zu urteilen und diese Tätigkeiten – auch künstlerisch – handelnd, immer wieder von Neuem, zum Ausdruck zu bringen. Erst wenn dies gegeben ist, kann sich das einstellen, was Arendt den Sinn von Politik nennt: „Der Sinn von Politik ist Freiheit.“[28] Eine der Botschaften aus den Glückskeksen: „Ich fordere die Freiheit mit Gebrüll! hellwach – bei Gewalt an Frauen!“.[29]

Kunstpolitische Intervention, wie sie Angela Zwettler und Carla Knapp aufzeigen, wird auf diese Weise nicht nur zu einem neuen Instrument des politischen Widerstands, sondern auch zu einem Symbol der elementaren Freiheit des Denkens, Fühlens, Urteilens und Handelns.

 

 

 

 

 

 




[1] Arendt, Hannah (²2000): Freiheit und Politik, in: diess., Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I, München: Piper Verlag. S. 201-226,  hier S. 206.

 

[2] Wie es in den heutigen „Lärmdemokratien“ oftmals der Fall ist. Vgl. Flam, Helena (2007): Protest – Schweigen – Emotion. Über die risikoreiche und risikolose Empörung, in: Neumayr, Agnes (Hg.): Kritik der Gefühle. Feministische Positionen, Wien: Milena Verlag. S. 216-235.

[3] Arendt, Hannah (²2000): Freiheit und Politik, in: diess., Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I, München: Piper Verlag. S. 201-226,  hier S. 207.

[4] Arendt, Hannah (2002): Vita activa oder Vom tätigen Leben, München/Zürich: Piper Verlag. S. 33f.

[5] Zusammengefasste Worte aus dem Interview mit Carla Knapp und Angela Zwettler, geführt von Agnes Neumayr, 01.12.07, Wien, Österreich.

[6] Vgl. Meier-Seethaler, Carola. Gefühl und Urteilskraft. Ein Plädoyer für die emotionale Vernunft. Beck’sche Reihe. München 1997. S. 19-20.

[7] Aus dem Interview mit Carla Knapp und Angela Zwettler, geführt von Agnes Neumayr, 01.12.07, Wien, Österreich.

[8] http://www.hellwach.info/pdfs/konzept-hellwach.pdf

[9] Vgl. http://www.hellwach.info/

[10] Die sechs Bilder sind Arbeiten der Künstlerin Angela Zwettler, die sie einerseits aus älteren künstlerischen Arbeiten, andererseits aus neuen Fotomontagen eigens für die Ausstellung konzipierte. Carla Knapp gestaltete die jeweilige Komposition von Bild und Text und war für die Auswahl der Bilder verantwortlich.

[11] Da die Mongolen die in die Mondkuchen eingebackene Lotuspaste verabscheuten, konnte man sich sicher sein, dass sie die chinesischen Mondkuchen nicht essen würden. Die WiderstandskämpferInnen nutzten diesen Vorteil, um geheime Botschaften in den Mondkuchen durch das ganze Land zu tragen. Scharfe Kontrollen und die Größe des Landes erschwerten zwar ihre Aufgabe, dennoch konnte mit diesem Trick der Volksaufstand koordiniert und die Besatzer vertrieben werden. Seither werden die Mondkuchen „Fortune Cookies“ genannt. Vgl. http://www.hellwach.info/

[12] http://www.hellwach.info/index.php?lt=nichtministrabel

[13] Ebd.

[14] Vielleicht evoziert sie auch das Gegenteil: dies ist das großartige Potential der Künste, viele verschiedene und möglicherweise völlig konträre Assoziationen – mit ein und derselben Darstellung – hervorrufen zu können.

[15] Aus dem Interview mit Carla Knapp und Angela Zwettler, geführt von Agnes Neumayr, 01.12.07, Wien, Österreich.

[16] Langer, Susanne K. (²1979): Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst, Mittenwald: Mäander Kunstverlag. S. 234.

[17] Langer, Susanne K. (1953): Feeling and Form. A Theory of Art developed from Philosophy in a New Key, New York: Charles Scribner’s Sons. S. 40. (Übersetzung: Agnes Neumayr)

[18] Ursprünglich war diese irakische Frau in einer Zeitung abgebildet, in der sie, zusammen mit einer weiteren Muslima, zwei amerikanischen Soldaten gegenübersteht und diese – als Irakerin und Einheimische – selbstbestimmt und ruhig betrachtet.

[19] Aus dem Email vom 7.11.07, das Dr. Ilse König, die Büroleiterin des Büros der Bundesministerin für Frauen, Medien und Öffentlicher Dienst, als Antwort auf einen Brief der AUF-Frauen (04.11.07) übermittelte, der um die Begründung der ministeriellen Zensur bat.

[20] Ebd.

[21] Zumindest wird dies in der Antwort aus dem Frauenministerium suggeriert.

[22] Und dies im Angesicht der Tatsache, dass jede fünfte Frau in Österreich durch Gewalt von einem Mann bedroht ist bzw. weltweit mehr Frauen an Männergewalt sterben als an einem natürlichen Tod.

[23] Aus dem Email vom 7.11.07, das Dr. Ilse König, die Büroleiterin des Büros der Bundesministerin für Frauen, Medien und Öffentlicher Dienst, als Antwort auf einen Brief der AUF-Frauen (04.11.07) übermittelte, der um die Begründung der ministeriellen Zensur bat.

[24] Arendt, Hannah (1994): Macht und Gewalt. München/Zürich: Serie Piper. S. 67.

[25] Ebd. S. 64.

[26] Ebd. S. 65.

[27] Arendt, Hannah (²2000): Freiheit und Politik, in: diess., Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I, München: Piper Verlag. S. 201-226,  hier S. 204.

[28] Ebd., S. 202.

[29] Bildnachweis: http://www.hellwach.info/fotogalerie/index.php?lt=galerie3;

http://www.hellwach.info/hellwach/index.php?lt=kekse

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